Weiteres Vorurteil widerlegt: Bewegungsmangel keine Ursache von Fettsucht

Nach der Schule direkt vor Fernseher oder Computer. Gern wird dieser Lebenswandel als Erklärung für Übergewicht bei Kindern gebraucht. Eine Studie zeigt nun, dass hier Ursache und Wirkung vertauscht werden: Fettleibigkeit macht Kinder träge, nicht umgekehrt.

Etwa jedes sechste Kind in Deutschland gilt als übergewichtig. Bei sieben bis acht Prozent aller Kinder ist der Body-Mass-Index (BMI siehe Kasten links) sogar höher als 30 – sie gelten als fettsüchtig. Viele betroffene Kinder haben mit der Gewichtsproblematik auch noch im Erwachsenenalter zu kämpfen, doch abgesehen von ästhetischen und psychologischen Fragen birgt Übergewicht vor allem gesundheitliche Risiken: Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Stoffwechselstörungen werden durch ein zu hohes Körpergewicht begünstigt.

Für das extreme Übergewicht wird gern ein Mangel an Bewegung verantwortlich gemacht. Eine britische Studie belegt nun, dass diese weit verbreitete Ansicht zweifelhaft ist. Sie beruht auf sogenannten Querschnittstudien – empirischen Erhebungen, die einmalig vorgenommen werden, nicht aber auf langfristigen Beobachtungen. Auf diese Weise lässt sich keine Aussage darüber treffen, welcher der untersuchten Faktoren Ursache und welcher Wirkung ist.

Die britische EarlyBird-Stiftung verfolgt aus diesem Grund einen anderen Ansatz. Terry Wilkin vom Plymouth Hospital und Mitautor der „EarlyBird 45“ Studie sagt, dass es sich bei dieser um die erste langzeitliche Erhebung handelt, die einen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Fettleibigkeit herstellt. Das Ergebnis überrascht: Nicht der Bewegungsmangel sei es, der die Fettleibigkeit auslöse. Vielmehr verlaufe die Kausalkette genau umgekehrt: Starkes Übergewicht führe zu Bewegungsunlust.

Die Testpersonen waren 202 ungefähr gleichaltrige Kinder. Zu Beginn der Erhebung waren sie sieben, am Ende zehn Jahre alt. Einmal jährlich, jedoch zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten, wurden die körperliche Aktivität und der Körperfettanteil der Kinder bestimmt. Dabei zeigte sich, dass das Bewegungspensum keinen erkennbaren Einfluss auf die Körperfettwerte hatte, schreiben die Forscher im Fachblatt „Archives of Disease in Childhood“. Allerdings ließ sich anhand eines erhöhten Körperfettanteils im Alter von sieben Jahren eine Abnahme der körperlichen Aktivität voraussagen.

Die Wissenschaftler der Stiftung gehen davon aus, dass die Weichen der vorpubertären Gewichtsentwicklung bereits vor dem fünften Geburtstag gestellt werden. Sie führen die Fettleibigkeit vor allem auf die Ernährung in den ersten Lebensjahren und die Vorbildrolle des gleichgeschlechtlichen Elternteils zurück – nicht aber auf Bewegungsmangel.

Natürlich spielt die körperliche Aktivität von Kindern trotz der Ergebnisse von „EarlyBird 45“ eine entscheidende Rolle in Bezug auf die Gesundheit. Wenn auch Bewegung als alleiniges Mittel zur Bekämpfung von Fettleibigkeit nicht viel Erfolg verspricht, so hat sie doch Auswirkungen auf wichtige Stoffwechselfaktoren. Ihr positiver Einfluss auf Blutzucker- oder Cholesterinspiegel, Blutdruck, Insulinempfindlichkeit oder Steifheit der Arterien ist nicht zu unterschätzen. Inzwischen verordnen Mediziner Bewegung gar als Therapie für unterschiedlichste Erkrankungen.

via http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,705542,00.html

Jetzt kann man sich noch fragen warum dicke Kinder sich nicht gern bewegen…

Ist es „nur“ der erhöhte Schmerz des Bewegungsapparates (denn es tut weh, zweifelsohne) oder könnte es auch noch damit zusammenhängen, dass man

  • im Fussball konstant auf der Bank landet
  • in Fitness-Centern belächelt wird
  • in Badebekleidung mit spöttischen Blicken verfolgt wird
  • etc?

Wie auch immer, aus meiner Sicht spielt hier die Diskriminierung eine eben so grosse Rolle wie der gesundheitliche Zustand.

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