Mit Diäten durch dick und dünn

Von Ursula von Arx

 

«GIB UNS UNSER TÄGLICH BROT», betete man früher. Laut Günther Anders müsste man heute beten: «Gib uns unseren täglichen Hunger!» Noch Anfang dieses Jahrhunderts gingen in schweizerischen Arbeiterhaushalten die Hälfte bis dreiviertel des Budgets fürs Essen drauf, heute sind es noch 12,3 Prozent. Gleichzeitig ist die Auswahl unermesslich geworden: Die ersten Verkaufswagen der Migros boten 1925 gerade sechs Produkte an: Zucker, Teigwaren, Kaffee, Reis, Seife und Kokosfett, heute sind es in einem mittleren Supermarkt um die fünftausend Nahrungsmittel, in Amerika bis zu fünfzehntausend. Und alles muss gegessen werden. Was, glaubt man der Statistik, auch geschieht: Rund ein Drittel aller Schweizer hat Übergewicht. Europaweit sollen Jugendliche in zehn Jahren durchschnittlich sieben Kilo schwerer sein als die Jugendlichen von heute, bei den Erwachsenen rechnet man mit etwa fünf Kilo Gewichtszunahme. In den USA sind heute sechs von zehn Erwachsenen fettsüchtig (adipös). Projiziert man die gegenwärtigen Trends in die Zukunft, so sind im Jahr 2230 alle Amerikaner zu dick. Die Ärzte warnen: Übergewichtige leiden dreimal häufiger unter Bluthochdruck und Diabetes, sie sind anfälliger für Gelenk- und Herzbeschwerden. Amerikanische Statistiker haben ausserdem errechnet, dass Dicke im Schnitt 4000 Dollar weniger pro Jahr verdienen. Kein Wunder, boomt der Diätenmarkt: Sechzig Prozent der Schweizer machen in ihrem Leben mindestens einmal eine Diät. Pro Jahr werden für Schlankheitsprodukte 530 Millionen Franken ausgegeben.

Spaghetti, Cervelats, Entrecôte, Schokolade, Butter, das kommt mir in den Sinn, wenn ich ans Essen denke. Man sieht es mir an: bei 1,74 Metern wiege ich 118 Kilo. Das ergibt einen Body-Mass-Index (BMI) von 38,9 – der BMI berechnet sich aus dem Gewicht, geteilt durch die Körpergrösse im Quadrat. Ab 25 ist man übergewichtig, ab 30 adipös. Ich bin also ein statistisch ausgemessener Fettsack. Aber mit bald fünfzig ist man nicht mehr so eitel. Mein Gewicht stört mich nur, wenn ich Kleider kaufen muss, in meiner Grösse gibt es nur grau in grau. Ich bin ein typisches Kind des Jo-Jo-Effekts: abnehmen, zunehmen, wieder abnehmen, noch mehr zunehmen. Mit zwanzig habe ich angefangen. Schaub- und Trennkost, Ananasdiät, sogar mit Geld versuchte ich mich zu bestechen: Ich spritzte Hormone, was sehr teuer war. In acht Wochen verlor ich sechzehn Kilo, die ich in weiteren acht Wochen wieder zulegte. Als Theatertechniker esse ich sehr unregelmässig: hier eine Bratwurst, dort ein Sandwich, und dann nach der Vorstellung ein, zwei Bier, Schnitzel Pommes frites. Jeden Abend beruhige ich mich: Morgen ist auch noch ein Tag. Mein Wunsch-Georges? Gut, mein Fett hängt nicht sehr wabbelig am Körper, und ich habe Ausstrahlung. Aber fünfzehn Kilo weniger, das wäre nicht schlecht.

Die Fettleibigkeit, auf die man überall in den USA trifft, ist eine Form des Verschwindens des Körpers. Es gibt keine Grenze mehr: es ist so, als ob der Körper sich nicht mehr mit einer äusseren Welt konfrontierte, sondern versuchte, den äusseren Raum in seine eigene Erscheinung hineinzustopfen. Diese anomal Dicken sind ein Ausdruck der Inflation der gegenwärtigen Systeme, dieser in jede Richtung auswuchernden Zellgewebe, die sich mit Zeichen und Produkten und Informationen so vollstopfen, dass sie sie niemals ausstossen können. Unsere Systeme produzieren zuviel Sinn, damit überflüssigen Sinn. Auch beim Dicken gibt es das, was zuviel Körper schafft und den Körper infolgedessen als überflüssig erscheinen lässt. Unsere Kultur findet ihre definitive Verkörperung in den hemmungslos Dicken von Amerika. – So etwa kommentiert das der französische Philosoph Jean Baudrillard.

In Amerika fühlte ich mich mit meinen 88 Kilo und meinen 1,59 Metern richtig schlank. Hier schäme ich mich für meinen Körper, in die Badi gehe ich schon lange nicht mehr, niemals würde ich in Shorts herumlaufen. Ich bin eine Frustesserin. Es ist, als ob ich mich panzere gegen alle Schrecklichkeiten der Welt. Wenn ich so unattraktiv bin, werde ich nicht wahrgenommen, vor allem nicht von Männern. Mein Fett und meine Schminke sind wie eine Tarnkappe. Andererseits: Ich will meine Hosen nicht mehr bei «Madame» kaufen müssen. Ich will, dass meine Kinder stolz auf mich sind. Der Sohn ist schlank, die Tochter weigert sich, auf die Waage zu stehen. Vererbung kann eine Rolle spielen: Es gibt eine Studie mit 24 Paar eineiigen Zwillingen; man gab ihnen über hundert Tage hinweg je tausend Kalorien zuviel. Alle nahmen zu, manche vier Kilo, manche das Vierfache, aber immer waren die jeweiligen Zwillingspaare nahe zusammen. – Wie auch immer, ich wünsche meiner Tochter niemals eine Diätkarriere, wie ich sie hinter mir habe. Im Alter von zehn fing es mit einer Gemüsediät an, auf Wunsch meiner Mutter, die selber Gewichtsprobleme hatte, nur war sie sehr diszipliniert. Es folgten Fruchttage, Eiweissschock-, Hollywooddiät und so fort. Ich nahm ab und immer wieder zu. Irgendwann ging jedes Gefühl für die eigene Sattheit verloren, ein normaler Umgang mit dem Essen wurde unmöglich. Essen ist die Schlange, die (süsse) Versuchung. Ich muss wohl oder übel weiter diäten. Meine Mutter kann noch heute nicht akzeptieren, dass sie eine so dicke Tochter hat. Schlanke Zeiten gab es auch: Als Frischverheiratete wog ich 53 Kilo. Mein Mann nörgelte trotzdem. Ihm bin ich nicht treu geblieben, dafür den Weight Watchers.

Was bedeutet das moderne Schlankheitsideal bei Frauen? Es sei nichts anderes als die Fortführung der älteren Tradition von Armut, meint Naomi Wolf in «Mythos Schönheit». Schon immer hätten Frauen weniger oder nichts zu essen bekommen. Heute sei dieses Verhaltensmuster mit einem Mantel von Schuldgefühlen verdeckt und als Gewichtskontrolle rationalisiert worden. Wolf sieht die weibliche Diätmanie als männliche List im Geschlechterkampf: «Hunger reduziert das, worauf ein Verstand sich konzentrieren kann, und das ist für unsere Gesellschaft attraktiver als ein Verstand, der sich <gehenlässt>. Hunger macht aus Frauen kranke Babys.»

Meine Diät hiess jahrelang Bulimie. Ich war immer hungrig, konnte aber auch nicht damit umgehen, satt zu sein. Ich frass meine Wut und kotzte den Selbsthass aus. So bewältigte ich meine Probleme. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch, der beachtet werden will. Sowohl intellektuell als auch aussehensmässig. Die grössten Heisshungerattacken hatte ich denn auch beim Schreiben der Lizentiatsarbeit, wo ich mir so klein und dumm vorkam. Mit vierzehn machte ich meine erste Diät, ich ass nur noch Salate. Der Anlass? Ich verliebte mich in einen Jungen, der aber nicht mich wählte, sondern meine Freundin. Und die war dünner als ich. Auch heute noch verbindet sich Verliebtheit immer sofort mit einer Diät; schlank und begehrenswert, das ist in meinem Kopf ganz fest verkuppelt. Ich war nie dick, aber meine Mutter sagte, ich sei schwer gebaut. Ich aber wollte fein sein, anders als Mutter, die etwas sehr Bodenständiges hat. Sie kochte sehr gesund und frisch und hausgemacht. Mein Vater und mein Bruder assen sehr schnell und gierig. Nachdem sie ihre Teller leergeschleckt hatten, standen sie sofort auf. Mutter und ich sassen dann jeweils in der engen Küche und assen die Resten. – Heute bin ich 34 Jahre alt, 1,65 Meter gross, mein Gewicht hat sich bei 56 Kilo eingependelt, mein Idealgewicht wäre bei 53 Kilo. Extrem waren meine 47 Kilo mit 22 und meine 61 Kilo mit 30 Jahren. Dazwischen: unzählige Diäten, Ausfall der Mens, Zahnschmelzprobleme (im Zusammenhang mit Bulimie), Scham. Rückfälle sind heute selten geworden, auch dank einer Therapie. Nur in ganz schwachen Momenten fühle ich mich noch als hässliches Entlein.

«<Gewicht> und <wichtig> sind nicht zufällig nahe beieinander», sagt der Ernährungspsychologe Robert Sempach. «Ich hatte eine Klientin, deren Mann stark im Rampenlicht stand, sie fühlte sich zurückgestellt. Ihr Körper reagierte mit heftiger Gewichtszunahme und brachte auf diese Weise die Verhältnisse wieder ins Gleichgewicht. Wir haben eben nicht nur einen Körper, wir sind unser Körper.»

Ich will schön sein. Jedes graue Haar, das ich bei mir entdecke, entferne ich. Ich stehe täglich mehrmals auf die Waage. Bin ich allein, beschäftige ich mich unaufhörlich mit meinem Gewicht, allerdings vor allem mental. Ich treibe keinen Sport und esse ungesund. Morgens Kaffee, mittags Pizza, abends Pizza. Ich bin 32, 1,85 Meter und 82 Kilo. Habe ich ein halbes Kilo zugenommen, fühle ich mich widerlich. Meine Mutter war bildschön, sehr schlank, sehr elegant. Bei 1,70 Meter wog sie 56 Kilo. Mein Vater war klein und fest. Er erbte sehr viel Geld, arbeitete nie, gab alles aus, und als er nichts mehr hatte, starb er. Er war ein interessanter Mann. Er unterstützte Fussballklubs und ging auf Grosswildjagd. Sein Leben lang probierte er Diäten aus. Einmal waren wir beide auf 85 Kilo, er bei einer Grösse von 1,74 Metern. Wir machten eine Wette: in einem Monat verlor ich mit einer Ahornsirupdiät fünfzehn, mein Vater etwa zwei Kilo. Er musste mir 1000 Franken zahlen. Ich habe einen starken Willen. Nein, eine dicke Frau käme für mich nicht in Frage, obwohl ich dicke Menschen amüsant finde: Ich habe ein Fotoalbum mit lauter Dicken. Meine Sorge ums Gewicht hängt vielleicht mit meiner Arbeit als Galerist zusammen, da ist Ästhetik sehr wichtig. Aber es ist auch eine Beschäftigungstherapie. Ich habe eben sonst keine Probleme. Ich bin mit mir zufrieden: Kürzlich stand ich im Kino Le Paris in der Schlange; es gibt da Spiegel. Da sah ich einen grossgewachsenen, schlanken, schönen Mann – er war ich.

Den Spiegel hält auch die Boulevardzeitung vor: Die Dicken essen zuwenig! Abnehmen kann klappen – wenn Sie ledig sind! Praktisch hoffnungslos sind Schlankheitsbemühungen von Rauchern. Sie haben eine geringere Disziplin und gesteigertes Suchtverhalten. «Blick» konfrontierte Professor Volker Pudel (51), Deutschlands bekanntesten Ernährungspsychologen, mit dem berühmten Abspeck-Video «Wie <Miss Tagesschau> Katja Stauber zu ihrer Traumfigur kam: Erst ohne Diät nahm ich ab!» Das wirksamste, harmloseste und billigste Mittel aber bleibt auch künftig: Friss die Hälfte. Allerdings gilt es zu beachten, dass das Mittel in sehr seltenen Fällen zu Gehirnschäden führen kann. Der Abspeckkönig fand bei den Mäusen ein Gen, das für die Fettleibigkeit verantwortlich sein soll. Im Stammhirn brennt die Sicherung durch, das Hungergefühl tritt auf.

So oder anders – der «Blick» weiss es immer.

Ich, 36, Journalist, bin in allem masslos. Ich kann nicht wenig arbeiten, ich kann nicht nur zwei Zigaretten rauchen. Entweder vierzig oder keine. Als ich mit dem Rauchen aufhörte, legte ich etwa fünf Kilo zu, was bedeutet, dass ich jetzt rund zwölf Kilo überflüssiges Fett mit mir rumschleppe. Weil es beim Essen kein Entweder-Oder gibt, mache ich also nun eine Rüebli- und Apfelkur, die haben wenig Kalorien, und ich mag sie einigermassen. Ich bin kein Ästhet, ich schaue nur manchmal in den Spiegel und denke: Ich sehe ja schon aus wie mein Vater. Punkt halb eins fuhr er jeweils mit seinem Auto vor, die Suppe stand auf dem Tisch. Er war Bauingenieur, kam aber aus einer Bauernfamilie; wir haben deshalb gegessen, als müssten wir körperlich sehr viel arbeiten. Wenn meine Mutter zuviel gekocht hatte, sagte sie:  Heute ist es etwas wenig.  Danach waren die Töpfe immer leer. Auf Fotos aus meiner Konstanzer Studienzeit sehe ich einen dicklichen Jungen mit unmöglichem Haarschnitt, Pickeln. Wahrscheinlich stank ich auch noch; ich hatte keine Waschmaschine. Ich fühlte mich hässlich, ich war hässlich. Nur störte es mich nicht gross. Emotional ist Essen für mich nicht wichtig, auch nicht genussmässig. Aber als Stressbrecher. Wenn ich jetzt abnehmen will, hat das mit dem Älterwerden nichts zu tun. Im Gegenteil: Je älter ich werde, desto mehr Selbstbewusstsein habe ich. Meine Ängste, meine Scheu nehmen ab. In der Arbeit weiss ich, was ich will, und setze es auch durch. Aber ich kann ja nicht immer fetter werden. Auch meine Freundin findet mich zu dick. Und ich bin sehr eitel. Der Körper ist meine neue Baustelle.

«Man ist, was man isst», behauptete der Philosoph Ludwig Feuerbach 1850. Ein hinterlistiger Satz in einer Zeit, in der gute Gewinne erzielt werden mit Pillen, die einem vorgaukeln, satt zu sein, ohne dass man wirklich etwas gegessen hat.

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